Organspende

Politiker gehen einer Neuregelung der Organspende (Tagesschau.de 28.06.2011) entgegen. Nach gegenwärtigem Stand sollen Bürger verpflichtet werden, zu Lebzeiten eine Entscheidung zu treffen. Bisher konnte auf freiwilliger Basis durch einen Organspendeausweis oder durch Angehörige zugestimmt werden.

Wie kompliziert es wird, wenn jemand im Verlauf seines Lebens seine Meinung ändert, bleibt abzuwarten. Insgesamt scheint es weniger um Aufklärung zu dem Thema zu gehen, sondern ist als klares Ziel festzustellen, dass neue und vor allem mehr Organspender gewonnen werden sollen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schweigt hartnäckig zu diesem Thema. Wer dort von sich aus Informationen sucht, findet eher Werbung  als neutrale Aufklärung aus verschiedenen Blickwinkeln. Vor jeder Information steht als erstes oben auf der Seite:

"Unterstützen Sie die ORGANPATEN mit Ihrer Stimme. Jetzt mitmachen auf www.organpaten.de"

Lange schon müsste sie ihrer Aufgabe nachkommen, denn bevor Bürger eine Entscheidung treffen, sollten sie mit einem gewissen zeitlichen Abstand umfassend aufgeklärt werden.

Während einseitige Dauerberieselung der Medien unterschwellig immer wieder suggeriert, dass ein guter und mitmenschlich denkender Mensch eigentlich gar nicht gegen die Organspende sein kann, soll hier wenigstens mal aufgezeigt werden, warum jemand dagegen sein könnte. Immerhin sind, soweit den Umfragen geglaubt werden kann, 25 % nicht damit einverstanden. Das Verhältnis zur Orgnaspende ist ein persönliches. Sachliche Informationen wären eine Ergänzung, die aber medial recht einseitig pro Organspende weitergegeben werden. Deshalb geht es hier ausdrücklich um die andere Seite – ohne jemandem seine Spendenbereitschaft ausreden zu wollen.

Vorab: Die Organmafia ist kein Gerücht und eine fast schon selbstverständlich zu nennende Folge der Transplantationsmedizin.

15.12.2010 Kosovo-Premier Thaçi soll an Organmafia beteiligt sein:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,734741,00.html

08. Februar 2008  Nepal Organhändler besorgte Nieren mit Pistole

http://www.oe24.at/welt/weltchronik/Organhaendler-besorgte-Nieren-mit-Pistole/244463

Die Liste ließe sich fortsetzen und zeigt nur zwei beliebige Beispiele aus verschiedenen Jahren.

 

Inzwischen versterben die Menschen nicht mehr ganz so schnell nach einer Transplantation, aber jeder sollte klar wissen, dass die Lebenserwartung mit einem transplantierten Organ deutlich unter dem Durchschnitt der Altersgruppe liegt. Nach der ersten Transplantation eines Herzens 1967 lebte der Patient noch 18 Tage. Darüber, ob solche “lebensverlängernden” Operationen fragwürdig sind oder mit dem Argument der Forschung und des Fortschritts gerechtfertigt werden, kann gestritten werden. Auch heute noch erkennt der Körper fremdes Gewebe. Abstoßungsreaktionen werden mit Medikamenten behandelt. Die eigentlich lebensnotwendige Immunabwehr wird mit einem fremden Organ zum Nachteil und unterdrückt. Dabei wird der Körper insgesamt in Mitleidenschaft gezogen. Die  Nebenwirkungen der Immunsuppressiva reichen vom Haarausfall über Magen-Darm-Probleme bis hin zu Krebs. Eine verstärkte Infektionsanfälligkeit ist die direkte Folge der Medikamente. Untergeordnet erscheinen dabei Wirkungen wie die mögliche Veränderung des Geschmackssinns. Die Transplantation ist heute, auch dank zurückliegender menschlicher Opfer, die scheinbar beste Lösung. Vielleicht ist es ehrlicher zu sagen: Das Verhältnis von Lebensverlängerung und Einschränkungen durch medizinische Abhängigkeit zu den alternativen Möglichkeiten ist die derzeit beste.

8,5 bis 9 von 10 Patienten überleben das erste Jahr nach der Transplantation (je nach Organ).  50% der Empfänger von Spendernieren benötigen innerhalb von 10 Jahren eine weitere Niere oder müssen wieder an die Dialyse. Was uns als Entwicklung verkauft wird, die einen guten Stand erreicht habe und nur unter Organmangel leide um allen zu helfen, ist faktisch von Anbeginn eine Entscheidung.

Wer sich für die Organspende entscheidet, unterstützt auch die Forschung auf diesem Gebiet. Das muss nicht notwendig in gezüchteten menschlichen Klonen zum Zweck der Organspende enden, aber ein Ja zur Organspende hemmt die Entwicklung von Alternativen. So wie die Entscheidung für die Atomkraft die Forschung und Entwicklung im Energiesektor bestimmt hat.

Am Ende stellt sich vielleicht weniger zur zweifelhaften Wahl, ob wir über die Bereitschaft zur Organspende Leben erhalten und länger ermöglichen wollen oder nicht, sondern begegnen wir eher der Frage, auf welchen Wegen wir das erreichen wollen und was wir dafür bereit sind in Kauf zu nehmen. Das allerdings ist eine ganz andere Debatte, als die derzeitige Werbung für Organspende.  Gleich was uns auf der gesellschaftlichen Bühne gerade vorgegaukelt wird, sollten wir aufmerksam die verschwiegenen Alternativen bedenken.

In diesem Licht sollte man das immer wieder als Vorbild zitierte Beispiel von Herrn Steinmeier und das Argument, dass Leben “gerettet” wird, sehen. Das Thema ließe sich fortführen, weil andere Fragen offen bleiben, die mit dem Hirntod nur unzureichend beantwortet sind.

Unzweifelhaft steht dem gegenüber, dass Menschen nach einer Transplantation Lebensqualität zurückgewinnen, manche sogar ins Erwerbsleben zurückkehren. Die Organspende bleibt eine Möglichkeit, wenn dieser ethisch-religiöse Vorstellungen nicht entgegen stehen und keine Angst vorherrscht, dass der Körper halbtot schon ausgeschlachtet wird.

Sie können in den Ausweis ihre Spendenbereitschaft eintragen, aber auch einer Organspende widersprechen. Der Ausweis bietet ebenfalls die Möglichkeit nur bestimmte Organe zur Spende freizugeben und umgekehrt Organe von der Spende auszuschließen.

Bei Urlauben in Österreich und Spanien, empfiehlt sich grundsätzlich einen Organspendeausweis mitzuführen, wenn Sie einer Organentnahme insgesamt oder zum Teil widersprechen wollen – jeder, auch ein Urlauber, wird ohne Ausweis als Spender eingestuft.

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8 Responses to Organspende

  1. ich says:

    130 000 Kinder werden in Deutschland Jahr für Jahr abgetrieben!!!

    1 000 Menschen sterben jedes Jahr bevor sie ein Organ bekommen. Nicht alle können mit einem gespendeten Organ gerettet werden. Durch das Risiko bei jeder OP stirbt ein Teil früher wie ohne Transplatation.

    Das ganze jetzt verschwendete Geld hätte viel mehr als 1000 Leben retten können!!!

    • Meik Conrad says:

      Sachlich ist Ihre Aussage richtig. Ich bin neulich auch erschrocken, als ich eine Zahl dieser Größenordnung gelesen habe. Da wird jedes Jahr die Bevölkerung einer ganzen Stadt verhindert. Vielleicht müsste genauer geschaut werden, was dahinter steht und welche Hilfen diese Situation verbessern könnten. Vielleicht liegen Sie soger in einem allgemeinen Sinne richtig, dass eine Gesellschaft überlegen sollte, wie sie ihre finanziellen Ressourcen verteilen möchte.

      In Deutschland habe ich allerdings angesichts des Wohlstandes, der Ausgabenposten und ohnehin regelmäßig satter Neuverschuldung den Eindruck, dass wir nicht in der Situation sind aus finanziellen Gründen über Leben bzw. Weiterleben entscheiden zu müssen. Wenn eines der reichsten Länder dieser Erde auch noch über Leben aus wirtschaftlichen Aspekten heraus diskutieren würde, empfände ich das als sehr traurig. Das sollte aus meiner Sicht als letztes geschehen und ich hoffe eine solche Situation nie zu erleben.

      Beim Thema Organspende stellt sich eher die Frage, welchen Weg wir gehen wollen. Wir können die Transpantationsmedizin weiter vorantreiben und wir könnten auf alternative Entwicklungen setzen, weil wir (aus welchen Gründen auch immer) einen Austausch von Organen nicht befürworten. Wer an eine Seele glaubt, wird sich mit der medizinischen Gleichstellung von Tod und Hirntod schwer tun. Ein Lebenwesen wie die Qualle zeigt uns, dass es Leben ohne ein Gehirn gibt. Da entstehen Zweifel an der medizinischen Definition, auch bei einem Atheisten. Vorstellungen und Berichte von Fällen, in denen jemand zur Organspende vorbereitet wurde und doch nicht tot war, schaffen Misstrauen. Der am Ende stehende Gedanke, dass statt einem Herz oder Nieren irgendwann ein Gehirn verpflanzt werden könnte, ist nicht wenigen unbehaglich.

      Das sind zwar alles Fragen, die uns dieser Tage nicht von den Medien präsentiert werden, aber um die es eigentlich geht. Ihr Kommentar bleibt aber eine wichtige Anregung zu fragen, warum die Organspende derart unverhältnismäßig hochgespielt wird und zu überlegen, ob ein Grund dahinter tatsächlich der wirtschaftliche Zusammenhang ist. So überlegt ist schon bemerkenswert, dass die Gruppen, die sich derzeit für die Organspende einsetzen, fast alle einen direkten oder indirkten wirtschaftlichen Profit aus dem Bereich ziehen.

      Danke für Ihren Kommentar
      Meik Conrad

  2. Reinhard says:

    „Vorstellungen und Berichte von Fällen, in denen jemand zur Organspende vorbereitet wurde und doch nicht tot war, schaffen Misstrauen“

    ZDF, Organspende – der umkämpfte Tod, 7.4.1994

    Eine Krankenschwester, die einem Organspender das Leben rettete, bevor – wie beschlossen – die Organe entnommen werden konnten, fragte danach den verantwortlichen Arzt, warum er in der kritischen Situation einfach das Zimmer verlassen habe. Der Arzt antwortete, er habe die Lebenszeichen des Patienten nicht sehen können oder wollen, weil er gedanklich schon mit dem Organempfänger beschäftigt war. Dank der Aufmerksamkeit der Krankenschwester überlebte der unfreiwillige Organspender das Debakel, wenn auch im Rollstuhl.

    Das habe ich gefunden bei:
    http://www.gesundheitsfrage.net/frage/wie-geht-das-mit-dem-organ-spenden
    (entfernen wenn Links zu anderen Seiten nicht gewollt sind)

    Anmerkung Meik Conrad: Links sind erlaubt und wenn fremde Texte übernommen werden, bitte ich sogar um eine Quellenangabe. So aussagekräftig der Beitrag ist, sind ein paar Zeilen zu einem Zitat immer gern gesehen.

  3. Meik Conrad says:

    Zum Stand von heute
    Neuregelung der Organspende: Bürger dürfen selbst entscheiden – n-tv.de

    http://www.n-tv.de/politik/Buerger-duerfen-selbst-entscheiden-article3703261.html

    _______________________________

    Eben mit Staunen gefunden. Auch das hat es schon gegeben:

    Verkürzung der Haftzeit gegen Organspende
    http://www.heise.de/tp/artikel/24/24812/1.html

    Unglaublich, welche Ideen entwickelt werden, um dem „Organmangel“ zu begegnen.
    Da mag man Befürworter oder Gegener der Organspende sein – irgendwo sind Grenzen!

  4. Melanie says:

    wenn mein gehirn tot ist brauche ich keine organe mehr. anderen dann ein längeres leben möglich zu machen hat finde ich sinn. trotzdem guter artikel. das soll wirklich jeder für sich entscheiden.

  5. Leben says:

    Bei Zweifeln für das Leben! Holt Euch einen Ausweis.

  6. Viv says:

    Immer wieder spannend finde ich es, Menschen, die – bewusst oder aus Gleichgültigkeit – KEINEN Spenderausweis haben, folgende Frage zu stellen:
    „Würdest DU denn ein Organ nehmen, wenn Dir nur das das Leben retten könnte?“

    Konsequenterweise müsste die Antwort doch dann „Nein“ lauten, oder? Ich habe aber noch nie etwas anderes als ein verblüfftes Gesicht und ein gestammeltes „Doch, schon“ zur Antwort bekommen.

    Mal folgender provokativer Vorschlag (der die meisten völlig empört):

    Wie wäre es denn, wenn bei der Organvergabe diejenigen bevorzugt würden, die selber seit mindestens X Jahren einen Spenderausweis haben??

    Schönen Gruß von einer potentiellen Organ- und Knochenmarkspenderin

    • Meik Conrad says:

      Ich glaube, die gestellte Frage kann niemand letztgültig beantworten, der einer solchen Situation nicht schon einmal ausgesetzt war:
      “Würdest DU denn ein Organ nehmen, wenn Dir nur das das Leben retten könnte?”

      Eine lebensbedrohende Situation verändert Menschen und ist letztlich eine Ausnahmesituation wie Krieg oder drohender Hungertod etc. In beiden Fällen handeln und denken Menschen, wie sie üblich nicht handeln und denken würden. Die Frage ist provozierend, aber leider wenig zielführend. Auf solche Situationen kann nur besser vorbereitet sein, der im Vorfeld sichere Haltungen entwickelt hat – und spüren lernt, was und wohin sich dann etwas verändert. Sicherheit, wie eine solche Situation innere Reaktionen auslöst, gibt auch das nicht. Vielleicht hilft die Fragestellung zu klären, welche Haltungen sich einjeder von sich selbst wünschen würde.

      Die Frage ist aber weniger, was ein Mensch zu tun bereit ist, um sein Leben zu retten – auch wenn er es unter normalen Umständen ablehnen würde. Weil ein Mensch einen anderen erschießen würde, wenn davon sein Leben abhinge, muss er keine grundsätzlich positive Haltung zu Waffen haben, der Entwicklung von Tötungsgerät zustimmen und keinen Mord rechtfertigen können.

      Nein, bei der Organspende stellt sich die Frage, ob dieses Verfahren eine Möglichkeit ist, die wir nutzen und weiterentwickeln wollen. Vernichtungswaffen sind nur _ein_ Mittel der Konfliktlösung. Neben Versuchen friedlicher Deeskalation können andere genutzt und entwickelt werden, die keinen nachhaltigen Schaden verursachen (z.B. Gummigeschosse, Schallwaffen etc.). Zur Disposition stellt sich, in welche Richtung wir forschen wollen. Die Organspende ist nicht die einzig denkbare Möglichkeit einem Organtod zu begegnen und Ersatz zu schaffen. Wenn dieses Verfahren allerdings als „normal“ akzeptiert ist und die meisten Forschungsgelder generiert, haben es Alternativen schwer. Solange einem Menschen nur eine Möglichkeit sein Leben zu retten angeboten wird, kann ihm kaum verübelt werden, wenn er sie nutzt obgleich er sie im Grundsatz ablehnt.

      Den eigenen Tod trotz medizinischer Möglichkeiten annehmen zu können, wird in unserem Kulturkreis eher die Ausnahme bleiben – das hat grob zusammengefasst mit einem herrschenden Lebensgefühl zu tun.

      Prinzipiell würde ich dem zustimmen, dass Menschen mit Organspendeausweis bevorzugt werden sollten, wenn sie irgendwann ein Organ benötigen. Tatsächlich würde das die Organspende aber zu einem alternativlosen Standard erklären und über Angstvermittlung einseitigen Druck ausüben. Das würde einer Haltung, die sich verstärkte Forschung im Bereich künstlicher oder gezüchteter Organe wünscht – oder ganz in die Zukunft gedacht, Verfahren suchen möchte, die Organe nachwachsen lassen kann… nicht gerecht werden.

      Danke für den zum Nachdenken anregenden Beitrag.
      Meik Conrad

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