Sterbehilfe nach dem Ärztetag

Auf dem letzten Ärztetag vom 31.05. bis 03.06.2011 haben sich Mediziner gegen eine begleitete Selbsttötung, also gegen die Sterbehilfe ausgesprochen. Für diese Entscheidung wurden 166 Stimmen gezählt, dagegen waren 56. Es handelt sich somit keinesfalls um eine knappe Entscheidung. Klar muss gesagt werden, dass nicht die aktive Sterbehilfe diskutiert wurde, sondern ausschließlich die passive. Diese beinhaltet die Bereitstellung eines tödlichen Mittels, dass ein Patient selbst und aus freiem Willen einnimmt. Nach bisheriger Berufsordnung durften Ärzte den Tod nur nicht aktiv herbeiführen. Ärzte fühlen sich nach diesem Beschluss, gemäß ihres hippokratischen Eides, nur dem Leben verpflichtet.

Die fraglos komplizierten Überlegungen, in welchen Fällen und unter welchen Voraussetzungen ein freiwilliger und würdevoller Tod eine medizinische Begleitung erfahren sollte, wurden ausgespart. Aus medizinischer Sicht soll jedes Leiden bis zu seinem „natürlichen“ Ende durchlebt werden. Diejenigen, die sich dennoch für einen Freitod entscheiden, sind weiterhin gezwungen sich Hilfe im Ausland zu suchen oder ihren Tod mit eigenen Mitteln herbeizuführen. Der Versuch einer Selbsttötung ohne medizinischen Beistand bedeutet ein ungleich höheres Risiko des Scheiterns, auch mit zusätzlich einschränkenden Folgen.

Diese klare und einseitige Verpflichtung der Ärzte erstaunt. Sind es nicht Ärzte, die Abtreibungen unter bestimmten Indikationen vornehmen? In bestimmten Fällen einer sicheren Behinderung wird sogar noch kurz vor der Geburt das Kind im Mutterleib getötet. 2010 gab es laut Ärzteblatt 110 400 Schwangeschaftsabbrüche.
Geht es in allen Fällen von Ärzten befürworteter und durchgeführter Abtreibungen um den Lebenserhalt der Mutter oder um die sichere Diagnose, dass ihr Kind nicht lebend zur Welt kommen wird? Bei einer Abtreibung wird sogar von fremder Seite über Leben entschieden. Das passiert bei fast jeder 6. Schwangerschaft: Im Jahr 2010 wurden 678.000 Geburten verzeichnet.

Vieles ließe sich vertiefen und manches bleibt zu diskutieren. Der Beschluss, als Ausdruck des Selbstverständnisses von Ärzten, liefert keinen Hinweis, was sie unter dem Wohl oder der Würde eines Menschen verstehen. Medizinische Fortschritte haben unser Leben verändert. In Grenzbereichen wird definiert, was Leben oder was Tod ist. Krankheiten können überwunden werden, mit andern ist die Lebenserwartung deutlich gestiegen. Zu erwarten wären differenzierte Antworten. Fraglich scheint, ob ein Erhalt des Lebens als einzig handlungsbestimmend ausreichend ist. Schon in der Abtreibungsfrage sehen Ärzte das offensichtlich anders.

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2 Responses to Sterbehilfe nach dem Ärztetag

  1. Jana Weinert says:

    Interessant – und irgendwie irre. Welch ein Zwang. Wurde das eigentlich in den großen Medien, Fernsehen, überregionale Zeitungen etc. diskutiert? Ich leb ja da ziemlich medienfern. Die Frage nach den Interessen stellt sich mir unweigerlich. Welches wirtschaftliche oder politische Interesse gibt es hinter den jeweiligen Bestimmungen? Das Ethik-Argument scheint mir mitunter schnell auch vorgeschoben, Zumindest solange alle anderen Interessen nicht auch klar gemacht werden. Ansonsten: ich wünsch mir so, dass endlich begonnen wird, über Tod und Sterben neu (oder ganz in uralter Weise) nachzudenken – und Tod und Leben in eins zu setzen.

  2. Meik Conrad says:

    Wie ich es mitbekommen habe, ist das nicht diskutiert, sondern in den Medien darüber nur berichtet worden. Ärzte haben das wohl mehr als ihre Angelegneheit, denn patientenbezogen gesehen. Ist natürlich fatal, wenn bedacht wird, dass sie eigentlich eine Dienstleistung erbringen. Natürlich gibt es aber auch bei anderen Branchen Berufsordnungen über die nur intern beraten und abgestimmt wird. Die entscheidende Frage ist vermutlich, ob Berufsordnungen geeignet sein dürfen eine Angebotspalette einzuschränken und damit Kunden keine Wahl mehr zu lassen. Ständeorganisationen anderer Berufsgruppen haben bisher nicht in solcher Weise in die Entscheidungsfreiheit von Menschen eingegriffen. Welche Wirkung das wohl hätte, wenn Bestatter beschließen würden keine Urnenbestattungen mehr vorzunehmen…

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