Zum Tod von Christa Wolf

Christa Wolf
Kassandra: Erzählung
(Link zu Amazon)

 

  • Taschenbuch:
    178 Seiten
  • Verlag:
    Suhrkamp Verlag
  • ISBN-10:
    3518460528
  • ISBN-13:
    978-3518460528

Christa Wolf war für mich schon aufgrund der Sprache und Bilder immer wieder eine beglückende Entdeckungsreise. Vieles auf und manches zwischen den Zeilen wurde zur inneren Zwiesprache und im ganz direkten Sinne zu einer Unterhaltung. Manchmal fand ich mich sinnend und gedankenhorchend wieder. Etwas zurück lag dann meist der Punkt, der mich wieder aufnehmen konnte. So viel, wie gerade jetzt geschrieben wird und die Bücher von Christa Wolf immer Rezensenten gefunden haben, soll anlässlich ihres Todes hier eine solche, bei ihren Worten beginnende Abschweifigkeit, einen Niederschlag finden.

 
"Lebt der Gedanke, einmal in der Welt, in einem anderen fort."
(Kassandra: Erzählung, S.10)

Vielleicht haftet er dieser anderen Person nicht gleich lebensgeschichtlich und innerlich gewachsen an, wie dem ursprünglichen Denker, aber gleichso verwoben kann er dennoch sein – und wie zu einem eigenen Gedanken werden. Zuweilen mag es vorkommen, dass sich zwei Geister treffen, die einen gleichen Gedanken mit sich tragen, aber worin liegt der Unterschied? Doch letztlich nur im eigen gefühlten Ursprung, der nicht ohne Vorbereiter und Zusprecher gewesen ist.

Was gehört uns schon an innerem Sein? Mit der Welt und unserem Leben ist etwas in uns gewachsen, manches gereift, anderes ohne Aufmerksamkeit, als Same schon, im Verborgenen geblieben. Anderes hat Zeit gefunden, wurde beachtet, bekam für eine Weile einen wohlwollenden Blick, aber blieb weit vor einer Blüte auf einer anderen Wiese zurück, die wir nicht grundlos, sondern von unserem Leben getrieben und innerem Wollen und Drängen folgend, aus unterschiedlichen Gründen verlassen haben. Manchmal kehren wir zurück, erinnern uns, nehmen alte Plätze wieder ein.

Diese Bewegung und der aus ihr entstehende innere wie äußere Weg, ist es vielleicht, dem wir eigentlich Ich und Leben abgewinnen, unser Anteil, ein Eigenes und ebenso auch unsere Natur und unser Standort als Ufer. Was wir dabei aber finden, denken, fühlen und in der Folge eine sinnliche Gestalt an unserem Wesen findet, ist wie der Morgendunst, der vordem im Boden auf die wärmende Sonne gewartet hat und dessen Feuchte, mit seinem Erscheinen und ohne ihn, immer ein Teil dieser Welt sein wird.

So wie Dunst und Nebel sind auch wir letztlich nur eine flüchtige Erscheinung, ein Spross der Welt, dem sie in ihrem größeren Lauf von Werden und Vergehen einen kleinen geschenkt hat.

Würde nichts vergehen, könnte ein Neues nicht entstehen. Was uns bleibt, ist die Dankbarkeit, die Dankbarkeit der Zurückbleibenden, die ihre Zeit noch teilen und mit ihr wachsen und reicher werden.

An einer Ewigkeit haben und bewahren wir aber unseren Anteil. An der Ewigkeit dieser Welt, deren Kinder wir in einem größeren Schönen bleiben.

Christa Wolf wird kein Buch mehr schreiben, aber ihre Worte werden noch viele Gedankenstunden stiften und jeden bereichern, der sich aufmacht, diesen Schatz zu heben.

"Wohin ich blicke oder denke, kein Gott, kein Urteil, nur ich selbst. Wer macht mein Urteil über mich bis in den Tod, bis über ihn hinaus, so streng."(Kassandra: Erzählung, S.32)

"Und dann die Stille. Penthesilea. Laß uns tauschen. He. Liebchen. Nichts ist süßer als der Tod. Komm, Freund, und steh mir bei. Ich kann nicht mehr."(Kassandra: Erzählung, S. 158 f)

Christa Wolf ist mit 82 Jahren am 01. Dezember 2011 in Berlin verstorben. Geboren wurde sie am 18. März 1929 in Landsberg/Warthe als Kind von Kaufleuten. Seit 1951 war sie mit dem Schriftsteller Gerhard Wolf verheiratet. Zahlreiche Preise würdigen ihr Werk.

Ihre wichtigsten Werke:
"Der geteilte Himmel“ (1963), "Nachdenken über Christa T.“ (1968), "Kindheitsmuster“ (1976), "Kein Ort. Nirgends“ (1979), "Kassandra“ (1983), "Störfall“ (1987) und "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" (2010)

 

weiterführend:

Zeitungsartikel:

  • Zeit (01. Dezember 2011)
     […] "Sie war eine der wichtigsten Schriftstellerinnen der deutschen Nachkriegszeit und moralische Instanz der DDR" […]
     
  • Welt (01. Dezember 2011)
    […] "Als die DDR kollabierte, sprach sie sich für eine Fortsetzung des sozialistischen Weges aus." […]
     
  • Sueddeutsche (01. Dezember 2011)
    […] "Christa Wolf war Kassandra, sie war "IM Margarete", sie war die Rednerin des 28. Oktober 1989, sie war die Autorin, die laut einem Verleger-Bonmot "keine Distanz zu ihren Figuren" fand. Sie war Sozialistin, Mitglied der SED und Ausgestoßene," […]
     
  • Frankfurter Allgemeine (01. Dezember 2011)
    "Literatur war für sie der Passierschein in eine Möglichkeitswelt: Christa Wolf suchte zeitlebens den Anschluss an das, was sie für wahr hielt." […]
     
  • Spiegel (01. Dezember 2011)
    […] "in ihren Arbeiten offenbarte sie nicht nur ihre ambivalente Haltung sich selbst gegenüber – sondern vor allem gegenüber den politischen Systemen" […]

  • Stern (01. Dezember 2011)
    "In Ost und West wurde sie gelesen und verehrt: Christa Wolf, eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart, ist tot." […]
     
  • Focus (01. Dezember 2011)
    "Moralische Instanz von Weltrang" […]

     

     


    Schriftstellerin Christa Wolf ist tot: Moralische Instanz von Weltrang – weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/kultur/buecher/christa-wolf-ist-tot-moralische-instanz-des-anderen-deutschlands_aid_689654.html

     

     

  • Tagesschau (01. Dezember 2011)
    […] wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Georg-Büchner-Preis, der Thomas-Mann-Preis und der Uwe-Johnson-Preis. 2002 erhielt sie den Deutschen Bücherpreis für ihr Lebenswerk, weil sie sich nach Ansicht der Jury "mutig in die großen Debatten der DDR und des wiedervereinigten Deutschland eingemischt" […]
    (dort auch Video aus den Tagesthemen)
     

Christian Wulff: "Ihre Literatur hat die Menschen in unserem Land bewegt und begeistert und zum Nachdenken gebracht."
 

 

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