Quellen des Gedenkens


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2 Responses to Quellen des Gedenkens

  1. Meik Conrad says:

    Der Sternenbaum

    Zunächst hielten die Gräser ihn für ihres gleichen; als sie den Irrtum
    bemerkten, war es zu spät. Sie konnten den kleinen Baum nicht mehr ersticken.
    So versuchten sie auf andere Weise, ihn loszuwerden.

    Dieser Hügel gehört uns, sagten sie. Du bist ein Fremdling. Wir wollen
    dich nicht in unserer Mitte haben. Du störst uns. Tag und Nacht redeten sie so
    auf den kleinen Baum ein.

    Die Einsamkeit und unser Hass werden ihn krank machen, und schließlich wird
    er sterben, dachten sie, und sie freuten sich, wenn Käfer und Raupen an dem
    kleinen Baum nagten, wenn der Regen ihn zu Boden drückte und der Wind ihn
    zauste.

    Einmal zog ein Sturm über den Hügel. Der kleine Baum bog sich stöhnend hin
    und her, und seine Wurzeln klammerten sich an die aufgeweichte Erde. Als
    der Sturm vorüber war, stand der kleine Baum schief da, halb aus der Erde
    gerissen, die Blätter zerfetzt.

    Die grauen Wolken verzogen sich, die Sonne kam hervor, irgendwo rief
    zaghaft ein Vogel. Die Gräser trockneten schnell, richteten sich auf und
    betrachteten den kleinen Baum.

    Nun ist es um ihn geschehen, tuschelten sie. Seht nur seine Wunden.

    Ich werde es euch zeigen, dachte der kleine Baum, der die Gräser schon um
    ein gutes Stück überragte. Er dachte es, obwohl er sich sehr müde und
    schwach fühlte. Am liebsten hätte er sich fallen lassen. Es kostete ihn all seine
    Kraft, diesem Wunsch nicht nachzugeben, und er war froh, als die Dunkelheit
    kam und ihn vor den Gräsern verbarg.

    Warum hassen sie mich? dachte der kleine Baum. Fürchten sie, daß ich ihnen
    die Sonne wegnehme? Daß sie nicht mehr genügend zur Geltung kommen, wenn
    ich einmal groß und stark sein werden?

    So wir es wohl sein, dachte der kleine Baum; aber er dachte auch, daß er
    das gleiche Recht hätte, auf dem Hügel zu stehen, wie die Gräser.
    Schlimm ist nur die Einsamkeit, dachte der keine Baum weiter. Daß ich
    nichts habe, woran ich mich aufrichten kann. Er blickte zum Himmel hinauf und
    entdeckte gerade über sich einen Stern. Der kleine Baum fand, daß dieser Stern
    anders aussah als alle übrigen, und je länger er ihn betrachtete, desto
    besser gefiel ihm der Stern. Er vergaß seine Schmerzen und seine Müdigkeit und
    die neidischen Gräser.

    Du bist schön, Stern, wagte der kleine Baum endlich leise zu sagen.
    Der Stern gab keine Antwort.

    Du bist sehr schön, Stern, sagte der keine Baum ein wenig lauter.
    Der Stern antwortete auch diesmal nicht.

    Er kann mich wohl nicht hören, dachte der kleine Baum. Er ist zu weit
    entfernt. Wenn ich größer wäre . . . Unwillkürlich reckte sich der kleine Baum.
    Die Sehnsucht nach dem Stern gab ihm Kraft. Er richtete sich auf, seine
    Wurzeln senkten sich tiefer in die Erde.

    Ich kann wachsen, Stern, flüsterte der kleine Baum. Warte nur, ich werde
    dir jeden Tag ein Stückchen näher kommen.

    Hat man je so etwas gehört? zischelten die Gräser. Er will hinauf zu den Sternen. Welche Überheblichkeit! Zu Strafe wird der nächste Sturm ihn zerschmettern.

    Der kleine Baum kümmerte sich nicht um das Gerede der Gräser. Er blickte
    seinen Stern an und war glücklich.

    Ich liebe dich, Stern, sagte der so leise, daß die mißgünstigen Gräser es
    nicht hören konnten. Du kannst nicht zu mir herabsteigen, aber ich kann zu
    dir hinaufwachsen. Eines Tages werden wir uns treffen, und es wird wundervoll
    sein. Wenn du reden willst, werde ich zuhören.
    Wenn du schweigen willst, werde ich meinen eigenen Gedanken nachhängen.
    Wenn du Hilfe brauchst, werde ich dasein.
    Und irgendwann wirst du mich auch lieben.

    Die ganze Nacht betrachtete der kleine Baum seinen Stern , und er konnte
    erst schlafen, als der Stern im Tageslicht verschwunden war. Der kleine Baum
    wachte nun immer in der Nacht und schlief am Tage, denn sonst hätte er ja
    seinen Stern nicht sehen können. Und wenn einmal Wolken über den Himmel zogen und den Stern verbargen, war der kleine Baum traurig.

    Die Liebe zu seinem Stern gab dem kleinen Baum Mut und Kraft. Er wuchs,
    bereitete seine Äste aus, wurde stark und groß.
    So vergingen viele Jahre.

    Die Stürme konnten ihm nichts mehr anhaben, ja, der Baum liebte sie nun
    sogar. Es tat ihm gut, wenn ab und zu ein Sturm über den Hügel brauste und ihn
    von morschen Ästen und welken Blättern befreite.

    Der Baum liebte auch den Regen. Ganz besonders aber liebte er den Schnee.
    Denn in jeder Schneeflocke erkannte er seinen Stern.

    Doch eines Tages begriff der Baum, dass er nicht weiter wachsen konnte. Und
    er begriff, dass der Stern für ihn unerreichbar war. Da überkam den Baum eine große Schwermut. Seine Wurzeln stellten ihr Arbeit ein, die Blätter vertrockneten, die Äste brachen ab. Bald stand der Baum gespenstisch-Kahl auf dem Hügel.

    Nun stirbt er endlich! frohlocken die Gräser. Der nächste Sturm wird ihn entwurzeln.

    Der nächste Sturm kam in der Nacht mit Donner und Blitzten. Auf einmal wusste der Baum, was er tun musste, um seinen Stern zu erreichen. Er sammelte die ihm noch verbliebenen Kräfte, zog einen Blitz auf sich, und im Nu brannte er lichterloh.

    Zahllose kleine Sterne wirbelten hoch.
    Der Sturmwind trug sie hinauf, immer höher und höher,
    bis sie ihr Ziel erreicht hatten.

    (Verfasser nicht bekannt)

  2. Nati Merlin says:

    Eine wunderschöne Geschichte. Es sind diese Geschichten, die uns in unserer Trauer Mut machen. Um meine Trauer zu „bearbeiten“ und um anderen Trauernden zu helfen, habe ich eine Homepage gestaltet, auf deren Seiten ich von meiner Erfahrung und Umgang mit der Trauer erzähle. Als mein Mann starb, glaubte ich, dass ich mitgestorben bin und fast wäre ich ihm gefolgt. Es ist sehr, sehr wichtig, dass Trauernde in ihrer Trauer unterstützt werden, denn das seelische Trauma durch den Verlust eines geliebten Menschen ist die Hölle. Wenn es Sie interessiert, schauen Sie sich meine Homepage doch einmal an
    Hier ist mein Link: http://www.rainbowmerlin.de.to
    Liebe Grüße
    Nati

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